Fastnacht/Karneval in unserem Land

von Jürgen Hodemacher

In den "tollen Tagen" wird nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Wenn es aber um den korrekten Namen für das fröhliche Brauchtum geht, verstehen Narren keinen Spaß. Ob Fastnacht, Karneval oder Fasching - alle Begriffe bezeichnen die Schwellenveranstaltung vor Beginn der 40-tägigen Fastenzeit, obwohl Fasching nur für den süddeutschen Raum steht. Ob Fastnacht, man liest hieraus allgemein die Nacht vor dem Beginn der Fastenzeit, oder Karneval, was man leichtfertig mit carne vale = Wegnahme des Fleisches gleichsetzt, beides ist für Niedersachsen richtig. Und um es vorweg zu nehmen: Der Karneval und die Fastnacht sind keine rheinischen "Erfindungen", sondern seit frühester Zeit überall in deutschen Landen nachweisbar. Wir finden die erste urkundliche Erwähnung des Kölner Karnevals im Eidbuch des Rates vom 5. März 1341 erwähnt, in Braunschweig ist der "Schoduvel", ein früher Fastnachtsspaß, bereits im Braunschweiger Stadtbuch von 1293 belegt.

Die älteste Erwähnung in Hannover, die bisher bekannt ist, stammt aus dem Jahre 1534. In der ersten Zusammenfassung des Stadtrechts, die "Große Stadtkündigung" jenes Jahres, enthält bereits Vorschriften "vom Festelabendt". Der Herzog Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg erließ am 26. Januar des Jahres 1688 eine "Maskeradenverordnung für die Stadt Hannover". Der Schriftführer der Hannoverschen Karnevalsgesellschaft Grün-Weiß e.V., Marc Berner, hat diese Daten herausgefunden und in einer Chronik verarbeitet.

Die Einbecker schreiben in ihrer Chronik, daß man dort seit über 1000 Jahren Fasseloamd feiert, geben aber keinerlei Quellen an. Sicher haben sie mit dieser Aussage recht, doch exakte Nachweise wären wünschenswert.

Fastnacht oder Fastelabend ist der Vorabend und die Nacht vor Aschermittwoch als Beginn der großen Fasten vor Ostern. Um sich für die folgende Entbehrungszeit im voraus schadlos zu halten, kam schon im Mittelalter die Sitte auf, die Fastnacht mit Schmausereien und Trinkgelagen, Tänzen und Possen, Maskeraden, Aufzügen und dergleichen zu begehen, und selbst die nicht fastenden Protestanten gehen diesem Treiben nach. In katholischen Gegenden dehnt man die Fastnachtslustbarkeiten auf die ganze Zeit vom 7. Januar bis zur eigentlichen Fastnacht aus und nennt die Zeit gewöhnlich Karneval, in Bayern und Österreich auch Fasching. Das Wort Fastnacht kommt in alter Zeit nur in der Form Fasenacht (mittelhochdeutsch vasenaht) oder Fasnacht (Faßnacht) vor, was auf das alte Verbum "fasen" (Faseln, d. h. Possen treiben) zurückführt, so daß Fastnacht etwa soviel wie Schwärmnacht bedeutet. Die jetzige Form, in Anlehnung an fasten, trat zuerst in Norddeutschland auf und hat seit dem 18. Jahrhundert die andere aus der Schriftsprache verdrängt.
Man feierte einst beispielsweise die Herrenfastnacht, das war der Sonntag Estomihi, weil am folgenden Montag das Fasten der "Herren" oder "Pfaffen" anfing. Die alte Fastnacht, die Bauernfastnacht, beging man am Sonntag Invokavit, weil man anfangs erst am folgenden Morgen, also eine Woche später, mit dem Fasten begann. Die Bauernfastnacht wurde vielfach mit Bergfeuern gefeiert.

Fastnachtsspiele sind dramatische Aufführungen zur Fastnacht, die in deutschen Städten seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts nachweisbar sind. Man bringt mit den Fastnachtsspielen meist Nürnberg in Zusammenhang, und dort besonders Hans Sachs. Aber auch in Norddeutschland wurden solche Fastnachtsspiele aufgeführt. Von den Lübecker Fastnachtsspielen hat sich noch ein Verzeichnis der Titel erhalten (Stadtarchiv). Dort spielte man auf fahrbaren Bühnen, die durch die Stadt gezogen wurden. Im Zeitalter der Reformation hat man oft die religiöse Polemik in das Fastnachtsspiel eingemischt.

Fastnacht, fasslâbend, auch fastelâmmt, der Fastnachtsabend, ist der Dienstag vor dem Beginn des Fastens, der mit zahlreichen Lustbarkeiten eben auch in den Dörfern begangen wird. Dann müssen "prillecken" gebacken sein, die in anderen Gegenden auch Pfannkuchen oder Krapfen heißen. Weit durch Niedersachsen wurden zur Fastenzeit die "heißen Wecken" gebacken und verzehrt. In der Stadt Wolfenbüttel wurden sie in der Woche nach dem Sonntag Estomihi gebacken und "heidwegge" genannt. In der Stadt Braunschweig kannte man sie auch; 1622 wurden sogenannte "hetwegges gelage" erwähnt. In Delligsen wurden sie unter dem Namen "Hedwige" noch Anfang des 19. Jahrhunderts verkauft. In Einbeck hieß dieses Gebäck "heidwek", in Hamburg "heetweg", und in Bremen "heetwege", wie aus dem Bremischen Wörterbuch von 1767 zu entnehmen ist.
Die Heischezüge wären überall im Lande beliebt. Noch heute sind diese Umzüge fester Bestandteil des närrischen Treibens in einigen Elm-Dörfern. In der Vergangenheit gingen beispielsweise in Bortfeld (Landkreis Peine) und Watenbüttel (bei Braunschweig) die Schmiedegesellen bei allen Pferdebesitzern umher und erhielten von jedem eine Mettwurst als Fastengabe. In Schöppenstedt sind noch heute Mettwurst und Brezeln das Fastnachtsessen. Im Jahre 2003 fand dort im Eulenspiegelmuseum - Till Eulenspiegel wurde dort in der Nähe um 1300 geboren -eine Fastnachtsausstellung statt, die auch diesen Titel trug: Mettwurst und Brezel.

Fastnachtsbräuche der Knechte. Von den Bräuchen der Handwerkerinnungen, der Studenten und Landbewohner ist uns viel überliefert worden. Was man beispielsweise im Helmstedt (frühere Universitätsstadt) den "alten Hasen" absah, welche die "Pennäler" und "Füchse" hänselten, wurde auf die Dörfer übertragen, wobei die Knechte die Rolle der ersteren, die "Enken" und die "Jungens" die der letzteren einnahmen. Derartige Sitten, die in gemilderten Resten noch heute in den Elm-Dörfern anzutreffen sind, herrschten in Norddeutschland früher viel ausgedehnter. In Magdeburg beispielsweise gab es eine regelrechte Brüderschaft der Ackerknechte. Jungknechte konnten hier nur unter bestimmten Trinkgebräuchen aufgenommen werden. Ursprünglich mag der Grund solcher Genossenschaften Selbstzucht, gute Sitten und Einflößung von Ehrfurcht gegen ältere gewesen sein. Doch dieser Zweck verschwand schon Anfang des 18. Jahrhunderts, und übrig blieb das Hänseln zur Fastnachtszeit. Das Wort "hänseln" ist norddeutsch; es leitet sich von der Hanse ab und bedeutet einfach jemanden in einem Verein aufnehmen.

Über das Lossprechen der Pferdejungen (Enken) und deren Knechtwerden gibt es eine Schilderung aus dem Dorf Hötzum bei Braunschweig, von Dr. R. Andree in seinem Buch "Braunschweiger Volkskunde" niedergeschrieben. Die Bedingungen für die Pferdejungen und andere Lehrlinge, um Knecht werden zu können, waren folgende:

  1. Der junge Mensch mußte 17 Jahre alt sein.
  2. Er mußte zwei Zentner Korn tragen können. War er das nicht im stande, so mußte er
     20 Jahre alt sein, um unter die Knechte aufgenommen zu werden.

Und diese Aufnahme fand stets zur Fastnacht statt. Waren die Vorbedingungen vorhanden, konnte zur Aufnahme geschritten werden. Dazu versammelten sich die Knechte schon früh im Krug. Die "Jungens" kamen dann auch und der älteste von ihnen klopfte an die Tür. "Wer ist da?" rief der älteste Knecht. Antwort: "Jungens." Knecht: "Was wollen die?" Antwort: "Knecht werden." Knecht: "Kommt herein." - Nach dem Eintreten fragte der Knecht: "Hat euer Herr nichts dagegen?" Und nachdem die Antwort befriedigend ausgefallen war, fragte er die übrigen Knechte, ob auch sie der Aufnahme zustimmen. War das geschehen, wurde den Aufgenommenen noch folgendes zur Pflicht gemacht:

  1. Sie haben, wenn sie sitzen, aufzustehen, falls ein älterer Knecht eintritt.
  2. Sie haben diesem kleinere Dienstleistungen zu tun, etwa ein Streichholz bringen.
  3. Dürfen sie noch keine "junge mäkens" nach Hause begleiten.

Die "Jungens" wurden also aufgenommen, gehänselt. Bei solcher Gelegenheit erhielten die jungen Knechte auch ihren ständigen Spitznamen, der von nun an der allein gültige war, auf diesen mußten sie hören, ohne sich beleidigt zu fühlen. Alle anderen Spitznamen durften sie zurückweisen. Hatte einer knépe (Kniffe), war also klug, so nannte man ihn "knips", war er stark, hieß er "Simson", hatte er eine rauhe Stimme, wurde er schlicht "Baß" genannt, und hatte er gar einen hüpfenden Gang, so hieß er "ütsche" (Frosch).

Vielerorts wurde "gehänselt", doch von Dorf zu Dorf war das oft sehr unterschiedlich. Im Lande Braunschweig wurde häufig am Tage der Heiligen Drei Könige (6. Januar) das größte Fest für die jungen Burschen gefeiert. Das Hänseln ist ein uralter Brauch zur Fastnachtszeit. Bei der Aufnahme von Neulingen in eine Gemeinschaft Älterer waren symbolische Gebräuche, die in Foppereien der Neulinge übergingen, in Athen schon im 4. Jahrhundert nach Christi bekannt. Gregor von Nazianz hat darüber berichtet. Bekannt ist auch, daß seit dem Mittelalter die Aufnahme eines Neulings (Bacchant) in die Studentenschaft zu allerlei wunderliche Zeremonien gehörten, das Aufhören der früheren Unbeständigkeit und der nötige Schliff.

In dem Dorf Eitzum, im Wolfenbütteler Land gelegen, war die Sitte des Hänseln noch lange erhalten. Frühen Schriften zufolge bis 1865. Kurz darauf wurden der Gesangverein und der Verein der Schützen gegründet, das bedeutete das Ende der alten Vereinigungen. Es gab auch Dörfer, da fand das Hänseln schon auf Sylvester statt: in Groß Vahlberg und Eilum beispielsweise. An Fastnacht hänselte man in Hötzum und Küblingen, in Eitzum am 6. Januar.

In Cremlingen, Weddel und den Nachbarorten gingen die Knechte zu Fastnacht Gaben sammelnd umher (sogenannte Heischezüge). Sie verlangten vornehmlich Würste, die auf den Zweizinkigen Holzgaffeln (Gabeln) aufgehangen und herumgetragen wurden. Auch Besen, die mit "Dutzen" (bunten Bändern und Schleifen) geschmückt waren, führten sie mit sich. In einer solchen Nacht wurden die geschmückten Besen verkauft. Oft führten die Knechte auch den "Erbsbär" in ihrer Schar mit von Haus zu Haus. Das war einer der ihren, der dicht in rauhes Erbsenstroh eingehüllt war und der oft auf allen Vieren lief.

Ein anderer Fastnachtsbrauch war das Barbieren (Rasieren) der Enken oder Kleinknechte. In der Gegend von Schöppenstedt wurden die zu barbierenden Enken im Tanzsaal auf Stühle mit dem Rücken gegeneinander gesetzt und an Nase und Kinn, wo später der Bart sprießen sollte, mit Heede bestopft. Dann erschien der Altknecht mit einem großen hölzernen Rasiermesser (im Landesmuseum zu Braunschweig befindet sich noch ein solches Exemplar) bewaffnet und mit einem Halsseil, das den Streichriemen darstellte. Dieses Seil wurde dem Enken um den Hals gehängt, man setzte ihm nicht gerade sanft einen Fuß auf die Brust und begann nun das Messer zu schärfen, das gelegentlich in das Gesicht des Enken abrutschte. War das Messer endlich scharf, folgte das Bartabnehmen. Nach Beendigung dieser Rasur, die natürlich bezahlt werden mußte - 1 bis 1 1/2 Mark -, war der Enke Knecht. Er hatte jetzt das Recht, an den Spinnstuben-Abenden teilzunehmen und, ohne durch die übrigen Knechte gehindert zu werden, mit seinem Mädchen ausgehen.

Das Fußwaschen der Mädchen durch umherziehende Knechte war ein anderer Fastnachtsbrauch, der sich bis ins 19. Jahrhundert erhalten hat. Leider artete diese Sitte häufig aus, so daß die Obrigkeit sie verbot. Ob diese Sitte oder Unsitte mit dem uralten Brauch zusammenfällt, der aus Gastfreundschaft an Fremdlingen geübt wurde und später als Zeichen der Demut und Erniedrigung häufig anzutreffen war, ist nicht belegt. Mitte des 18. Jahrhunderts schritten die Behörden energisch gegen das Fußwaschen ein. Der älteste Nachweis ist ein Erlaß des Herzogs Karl l. von Braunschweig vom 20. Dezember 1745, der am 2. November 1767 wiederholt werden mußte, worin gesagt ist, daß in einigen Orten sich bei den unziemlichen Fastnachtsschwärmereien ein ärgerliches Fußwaschen eingeschlichen habe, wogegen die Behörden einschreiten sollten. Zuwiderhandelnde waren mit einem Mariengulden oder 24 Stunden bei Wasser und Brot zu bestrafen. Trotzdem hielt sich der Brauch noch bis ins 19. Jahrhundert.

Nach einem Bericht aus Küblingen wurde dort am 4. März 1867 in einer nicht anständigen Weise den jungen Mädchen von den Burschen des Dorfes die Füße gewaschen, und zwar mit Branntwein und einem die Seife vertretenden Stück Steckrübe. Dabei wurde ein grüner Tannenzweig benutzt, an den jede Gewaschene einen bunten "Dutzen" (Bandschleife) stiften mußte. Außerdem hatten die Mädchen Würste und andere Gaben für das Waschen zu entrichten.

Noch mehr Licht auf die Roheiten der Unsitte fällt durch eine Schwurgerichtssitzung in Braunschweig am 1. Juni 1893, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit verhandelt wurde. Es wurden gegen acht Knechte aus Densdorf wegen "gemeinsamen Hausfriedensbruches, gefährlicher Körperverletzung und unzüchtiger Gewalt" verhandelt, und vier von ihnen wurden zu zwei Monaten bis einem Jahr Gefängnis verurteilt. Auch hier hatte es sich um das gröblich ausgeartete Fußwaschen zu Fastnacht gehandelt. Die Folge war ein Erlaß der Kreisdirektion Braunschweig an die Gemeindevorsteher der Ämter Riddagshausen und Vechelde (beide Orte nahe Braunschweig), der auf Abstellung der in den dortigen Gemeinden herrschenden Unsitte drängte. 150 Jahre nach dem Erlaß Herzog Karls L, der schon mit Strafe drohte, hatte der Unfug sich also noch immer ungeschwächt erhalten.

Der Fuhebusch. Eine Hauptsitte zu Fastnacht war in vielen Gegenden das fûen, das Schlagen mit dem Fuhebusch: Knechte, Mägde und Kinder zogen mit einem Busch aus Fichtenzweigen, Wacholder oder sonstiger stachliger Pflanze umher und schlugen, mitunter auch heftig, auf die umhergehenden damit ein. In Lobmachtersen gingen die Kinder von Haus zu Haus und sagen:

Fûe, fûe, êren,
Wat wilt jû mik beschêren?
Appel oder bêren,
Geld nêm ik gerên.

Dabei wurde "efuêt", mit den stachligen Zweigen geschlagen, bis sich die betreffende Person mit einer kleinen Gabe auslöste. Es wurde dabei von der närrischen Schar kein Stand verschont. Damit hatte es auch, wenigstens in den Dörfern im Braunschweiger Land, sein Bewenden, während weiter nach Westen hin, im Hannoverschen, Hildesheimischen bis nach Westfalen, das fûen mit ausgedehnten Sitten und Sprüchen gehandhabt wurde. Es ist überliefert, daß sich der Fürst von Bückeburg im Jahre 1584 zu Fastnacht von den Mägden, die ihn fûen wollten, mit einem halben Taler loskaufte, in den folgenden Jahren gab er ein sogenanntes "Fudelgeld". Die älteren in Niedersachsen für fûen gebräuchliche Ausdrucksformen sind fudeln und futteln, was auf die ursprünglich sehr rohe Art des Gebrauchs zurückgeht, in dem die Mägde auf die entblößten Oberschenkel gefûet wurden. Das Fuchteln mit der Rute gehörte im 19. Jahrhundert im Kreis Braunschweig zu den verbotenen Fastnachtsbräuchen. Im Januar 1899 drohte die Kreisdirektion Geldstrafen bis zu 30 Mark oder Haftstrafe bis zu 10 Tagen bei Zuwiderhandlung an.

Karneval (ital. carne vale) ist die Gesamtheit der den Fasten vorangehenden Lustbarkeiten. Der Name stammt nach der allgemeinen Auffassung vom italienischen carne vale - lebe wohl, Fleischgenuß. Eine andere Deutung ist der Schiffsumzug, dem zur Feier der wiedereröffneten Schiffahrt durch das Rheinland, Belgien und Holland geführten Schiffswagen, carrus navalis, an den die später vollzogenen Prozessionen, auch Brants Narrenschiff, anknüpfen. Auch in Niedersachsen sind solche Umzüge nachweisbar. Im Karnevalsumzug in Schöppenstedt rollt alljährlich ein solches Gefährt durch die Straßen "gen Narragonien". Dieses historische Narrenschiff wurde schon Mitte des 16. Jahrhunderts durch Schöppenstedt gezogen und findet sich auch im Stadtwappen wieder.

Der Karneval ist je nach Ländern und Städten von kürzerer oder längerer Dauer. Gewöhnlich wird er vom Fest Epiphanias (6. Januar) bis zum Aschermittwoch gerechnet. In Venedig fängt er jedoch bereits am St. Stephanstag (26. Dezember) an, in Spanien am St. Sebastianstag (20. Januar), und in Rom versteht man unter Karneval hauptsächlich die letzten elf Tage vor Aschermittwoch.

Auch in Braunschweig feierte man im Mittelalter gern schon vor Weihnachten Karneval, doch das wurde von der Obrigkeit bald verboten. Danach durfte man erst "nah den hilligen dagen to wynachten" - nach den heiligen Tagen zu Weihnachten - mit den Lustbarkeiten beginnen. Und der Rat gab gleich noch Richtlinien heraus, wie man feiern durfte. Im Braunschweiger Urkundenbuch von 1474 finden wir bereits eine ausführliche Beschreibung des Maskentreibens. Dort heißt es u. a.: "Wy scholden scheffers kesen (wählen) und uns einß werden, who wy den schoduvele hebben wollen." Also, es wurde ein Präsident gewählt, und man einigte sich, wo der Karneval (schoduvel) gefeiert werden sollte. Unter dem 18. Dezember 1474 finden wir noch eine Eintragung, wie die Kostüme aussehen durften: Die Kleidung sollte grau sein und rot. Die Larve, also die Maske, ebenfalls grau und rot, darauf ein Filzhut mit drei Straußenfedern.

Fastnachtspossen, Mummenschanz und vor allem der Hanswurst machten die Tage vor Aschermittwoch zu einer ebenso ausgelassenen Zeit, so daß der Fastnachtsdienstag den Namen Narrenfest oder Narrenkirchweih erhielt. Die Reformation und der Dreißigjährige Krieg unterdrückten jedoch den Karneval gänzlich. Erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts brachten die Franzosen, die ihn in Italien kennengelernt hatten, auch zu uns wieder zurück. Hier waren es nun besonders die rheinischen Städte, in denen sich Karnevalsgesellschaften bildeten, Freunde des Frohsinns, die sich früh im Jahr versammelten, um einen großen und kleinen Rat, einen Festordner und ein närrisches Oberhaupt, den Prinzen Karneval, zu wählen, Festprogramme zu entwerfen und auszuführen. Seit 1868 haben sich dann auch in den protestantischen Städten Karnevalsgesellschaften gebildet, zunächst in Leipzig, Hamburg, Berlin und - Braunschweig. Hier gründete im Jahre 1872 der Kaufmann Max Jüdel die Braunschweiger Karneval-Gesellschaft (siehe Buch: 700 Jahre Fastnacht/Karneval im Braunschweiger Land).

Über das Wort Karneval habe ich schon berichtet. Am Anfang waren die heidnischen Bräuche, beispielsweise das Austreiben des Winters und das Begrüßen des Frühjahrs. Eine charakteristische Tatsache in der ersten Zeit des Christentums war die Mühseligkeit, einige heidnische Sitten auszutreiben, und vor allem solche, bei denen die öffentlichen Vergnügungen oder Schaustellungen die Hauptrolle spielten. Die Kirchenväter mußten zu bestimmten Kompromissen bereit sein, indem sie wenigstens das Datum mancher Feierlichkeiten beibehielten, deren Charakter, wenn auch bedeutend modifiziert, dennoch manche Merkmale früherer Zeiten trug. Statt der "Luperkalien" setzte man damals das sogenannte "Carnelevamen-Fest" ein. Dieser Name (carne vale, das heißt: Fleisch lebe wohl!) wandelte sich mit der Zeit in Carneval um. Diese Feiertage, die sich auf die letzten der Fastenzeit vorangehenden Tage bezogen, wurden ähnlich wie die "Luperkalien" bei allgemeiner festlicher Stimmung der Massen begangen. Eine andere Auslegung führt die Entstehung des Wortes Karneval auf die bereits erwähnten und besonders im Rheinland bei den Karnevalsumzügen in Schiffsform mitgeführten Wagen, den "carrus navalis" zurück. In den Städten entwickelten sich im 18. Jahrhundert die "Redouten" und Bälle unter der von Italien übernommenen Bezeichnung Karneval, während in den ländlichen Gegenden weiterhin Fastnacht gefeiert wurde. Ein Beispiel für diese Redouten ist das Schloß Blankenburg. Eine Einladung in das Hoch-Fürstliche-Residenzschloß zu Blankenburg von 1731 zum "carneval" belegt diese Feste. Die "Carnevals-Lustbarkeiten" begannen dort am 6. Januar 1731 und gingen bis zum 6. Februar, kontinuierlich, wie es heißt, von 8.00 Uhr abends bis 2.00 Uhr nachts. Vierzehn Veranstaltungen gab es während der närrischen Zeit 1731 im braunschweigischen Blankenburg.

Rheinische Vereinigungen in Niedersachsen gibt es seit etwa 1920. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten Franzosen und Belgier die Rheinlande von 1920 bis 1922 besetzt. Viele Rheinländer widersetzten sich mit Macht den Anordnungen der Besatzungsmächte und wurden darum verfolgt, ausgewiesen oder flüchteten in das übrige Reichsgebiet. Hier gründeten sie unter anderem in Hannover, Göttingen, Gelle und Braunschweig "Vereinigungen der Rheinländer", um Brauchtum, Traditionen und Muttersprache weiter zu pflegen. Aus diesen Vereinigungen sind dann Karnevals-Gesellschaften entstanden, die "nach alter Väter Sitte" ihren Karneval so feierten, wie sie ihn von zu Hause gewohnt waren: mit dem Prinzen, in Gelle beispielsweise auch mit einem Dreigestirn (Prinz, Bauer, Jungfrau), Funkengarde, und natürlich mit dem Alaaf. Alaaf kommt aus dem niederdeutschen Sprachschatz und heißt übersetzt: Hoch auf, hoch! Einige Gesellschaften in Norddeutschland haben noch andere Rufe, beispielsweise Ahoi oder Helaaf. Die überwiegende Mehrheit hat sich auf das Helau! geeinigt.

Zum Schluß sollen noch die Karnevals-Umzüge in Norddeutschland erwähnt werden, die auch schon im Mittelalter stattgefunden haben. In Braunschweig läuft am Sonntag vor Rosenmontag der größte Karnevalsumzug Norddeutschlands, der von N3 drei Stunden lang live übertragen wird. 6,3 Kilometer ist er lang, mehr als 60 Musikkapellen begleiten ihn.

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